Der Roboter für alles – oder doch nicht?

Warum der Mensch in der Digitalisierung wichtig bleibt.



Menschenähnliche Roboter, fliegende Autos und allerlei technische Spielereien, die unseren Alltag einfacher machen. Zukunftsvisionen waren schon immer geprägt vom Fantastischen, vom (Alb-)Traum einer komplett technologisierten Welt, in der Menschen gar nicht mehr so wichtig sind. In der Filmwelt nennt sich das Science-Fiction. Und im echten Leben?


Wir sind mittlerweile ziemlich nah an den fiktiven Visionen Hollywoods. Gerade von Robotern scheinen wir sehr angetan zu sein. Dabei reden wir nicht von primitiven Küchenmaschinen, sondern von Quasi-Menschen mit digitalen Hirnen, die den unsrigen weit überlegen sind. Klingt beängstigend? Das ist es – wenn auch nicht minder faszinierend.

 

Ein Beispiel ist Sophia. Sophia sieht aus wie ein Mensch, sie ist jedoch keiner. Ihr Wesen wird durch und durch von künstlicher Intelligenz gesteuert: Sie kann Gesichter, Mimik und Gestik erkennen. Das erlaubt es ihr, einfache Gespräche zu führen. Das funktioniert eigentlich auch ziemlich gut. Eigentlich. So verblüffend Sophia ist, so gross ist das Unbehagen, wenn sie spricht – geschweige denn, wenn man tatsächlich mit ihr eine Unterhaltung führt. So erging es Nightshow-Moderator Jimmy Fallon, bei dem die Roboterdame zu Gast war. Mit einem Roboter Smalltalk führen – soweit sind wir wohl noch nicht. Werden wir es jemals sein? Kommen wir mit so einer digitalen Übermacht klar?

 



«Wir wünschen uns nur einen intelligenten Toaster, stattdessen erhalten wir einen angsteinflössenden Terminator», bezeichnet Stephan Sigrist, Gründer des Think Tank W.I.R.E., das Dilemma mit den Alleskönner-Robotern. Und nicht nur der Experte teilt diese Meinung. Wir haben Menschen auf der Strasse befragt, der Tenor ist eindeutig: Künstliche Intelligenz ist prima, aber nur, wenn sie simpel ist und bei einfachen Belangen helfen kann. Termine via WhatsApp abmachen, Google Maps nutzen, um von A nach B zu kommen – alles bestens, alles zuverlässig, alles schnell. Für Intimes, Wichtiges und Komplexes suchen wir jedoch nach wie vor den Kontakt zu anderen Menschen. Sigrist bringt es auf den Punkt: «Die Digitalisierung erlaubt das Wiederholen des Immergleichen – der Mensch hingegen erlaubt das Unerwartete, das Erlebnis.» Und auch hierbei sind sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Strassenumfrage einig.

 

 

Beratung mit Herz anstatt Megahertz


Maschinen werden den Menschen niemals ersetzen können. Ein schönes Beispiel aus der Werbewelt: Wäre es nicht grossartig, hätten wir einen gigantischen Roboter als stetigen Begleiter, der uns beim Date hilft? Der uns frisiert und hübsch macht? Die Vorstellung ist prickelnd, wir müssen schmunzeln. Aber dennoch: Nein. Wir brauchen den besten Kumpel oder die beste Freundin, die uns vor dem Date gute Tipps gibt. Wir brauchen einen Menschen, der uns sagt, dass wir uns vielleicht vorher rasieren oder dass wir anstatt des verwaschenen T-Shirts ein schickes Hemd anziehen sollten. Weil andere Menschen uns kennen und einschätzen können. Das ist der grosse Vorteil, wenn wir Beratung brauchen.



 

Nichtsdestotrotz haben technische Helfer natürlich ihren verdienten Platz. Wenn wir beim Thema bleiben: Vor dem Date machen wir Zeit und Treffpunkt via Messenger ab, den Tisch im Restaurant buchen wir online und die gemeinsame Zugfahrt nach Hause lösen wir via App. Dazu braucht es kein Roboterungestüm, ein Smartphone reicht. Wir sehen, es gibt für das Digitale und das Analoge genügend Platz. Es kommt stets auf die Situation drauf an.

 

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Emotionen oder Emojionen?


Dates, Beziehungen, Emotionen. Das scheint in der Digitalisierung sowieso ein gefundenes Fressen zu sein. Lässt es sich gut verkaufen? Springen wir als Menschen auf künstliche Emotionen an? Wollen wir von Robotern geliebt werden? Mag sein. In Japan auf jeden Fall – dort gibt es digitale Avatare, die als Freundin oder Freund fungieren. Übertrieben? Für ganz viele Menschen wahrscheinlich schon, dennoch müssen wir uns vor Augen führen, dass Menschen emotionale Nähe brauchen – warum also nicht durch eine künstliche Intelligenz?

 

Und seien wir ehrlich, über die Witze von Alexa, Siri und Co lachen wir schliesslich insgeheim. Die emotionale Bindung findet bereits im Kleinen statt. Dennoch, auch hier gibt es zwei Welten. Die eine, die uns suggeriert, was die Digitalisierung alles machen kann und soll. Und die andere, die pragmatisch bleibt und klar sagt, dass nur weil etwas kann, es nicht unbedingt muss. Oder anders ausgedrückt: Ja, wir können Emotionen und Gefühle gegenüber künstlicher Intelligenz entwickeln, aber eine echte Beziehung ist unwahrscheinlich. Dann lieber mit einem anderen Menschen – im Mix mit technischen Helfern für die kleinen, feinen Momente. Netflix und Chill, sozusagen.  




Keine Digitalisierung ohne Menschen


Die Digitalisierung verändert unsere Gewohnheiten. Sie macht Dinge einfacher und komfortabler – und sie macht interessanterweise klar, wie relevant die Mensch-zu-Mensch-Beziehung ist. Genau hier gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was uns die Werbe- und Medienwelt, die Unterhaltungsbranche und teils gar die Forschung lehren möchte, und dem, wie die Digitalisierung tatsächlich funktioniert.

 

Science-Fiction beiseite, die Digitalisierung besteht nicht aus allgegenwärtigen Robotern und hyperintelligenten Maschinen. Sie besteht aus praktischen Apps, aus effizienten Automaten. Und sie besteht aus Menschen. Die perfekte Mischung. Um im Alltag klar zu kommen, brauchen wir eine pragmatische Digitalisierung und eine verstärkte Mensch-zu-Mensch-Beziehung für die tiefgehende Beratung. Diesem Grundsatz folgt auch die Schweizerische Post. Sie fördert in der Beratung den menschlichen Kontakt – eben gerade deswegen, weil er immer wichtiger, immer nötiger wird – auch wenn es tatsächlich irgendwann einmal fliegende Autos geben sollte.


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