«Die Schweiz und die Post werden das schaffen»

Informatikprofessor Edy Portmann zum Digitalisierungs-Schub während der Covid-Krise



Der Informatikprofessor Edy Portmann beschäftigt sich in seinem Human IST Institut an der Universität Freiburg mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Sein Kerngebiet: die Erforschung von Technologien und Szenarien, die den Mensch und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen. Als Förderprofessor der Post ist er auch massgeblich an deren digitaler Entwicklung beteiligt. Wir haben mit ihm über den Trend zur Digitalisierung sowie über die Chancen und Risiken für die Post gesprochen.



Während der Covid-Krise hat eine Verschiebung hin zu digitaler Kommunikation und Angeboten stattgefunden. Hält diese Tendenz an?

Edy Portmann: Ja, der Trend ist ungebrochen, und er wird anhalten. Wann er seinen Peak erreicht, ist aber schwer vorauszusagen. Doch der Punkt wird kommen, wo digitaler Austausch die sozialen Kontakte nicht mehr ersetzen kann. Der Mensch ist ein soziales Wesen, auf Services mit direktem Kontakt möchte er nicht verzichten.


 


Welche Bereiche des Lebens waren von der zunehmenden Digitalisierung besonders betroffen?

Vor allem die Arbeitswelt. Home Office hat sich schnell etabliert. Aber auch in Schulen waren digitale Lösungen plötzlich gefragt. Und im Gesundheitswesen ist der schnelle Austausch von Daten ein hoch aktuelles Thema. 


 

Dann werden wir in Zukunft nur noch online vernetzt arbeiten?

Nein, nicht nur. Diese Entwicklung läuft darauf hinaus, dass wir künftig vor allem bei der Arbeit und in der Bildung vermehrt Hybrid-Lösungen sehen werden. Also ein Mix aus digitalen und persönlichen Kontakten. Entscheidend wird dabei sein herauszufinden, wo welche Form am meisten Sinn macht. Aber die Schweiz und die Post werden das schaffen.

 


Sie sind ja auch Förderprofessor der Post. Welches sind hier Ihre Aufgaben und wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Es geht es vor allem darum, mit- und vorauszudenken, welche digitalen Angebote die Post in Zukunft zum Nutzen der Kunden und des ganzen Landes implementieren könnte. Eines der Hauptziele dabei ist der Ausbau der intermediären Rolle der Post. Also die Vermittlung zwischen Privatkunden, KMU’s und auch ganzen Gemeinden. 

 


Wie kann die Post hier vermitteln?

Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung überfordert viele Menschen. Gleichzeitig eröffnen diese Technologien aber auch neue Möglichkeiten. Mit einer sinnvollen digitalen Infrastruktur kann die Post ihren Kunden diese Möglichkeiten erschliessen und so den Daten- und Warenfluss fördern. Hier stehen die Post und unser Institut in einem engen Austausch.

 


Beim Ausbau von digitalen Angeboten stellt sich aber auch die Frage nach der Sicherheit der sensiblen Daten.

Eine gute Frage. Die Post steht für einen Service Public. In dieser Rolle müssen Daten sehr respektvoll behandelt werden. Eine Umfrage hat aber gezeigt, dass 80 bis 90% der Schweizer Bevölkerung der Post vertrauen. Zurecht, wie ich finde.


 

Vertrauen ist gut, aber was gibt dem Post-Kunden die Sicherheit?

Die Post hat kein kommerzielles Interesse, diese Daten zu Geld zu machen – wie etwa Google oder Facebook. Ihr Gewinn liegt darin, Vertrauen aufzubauen. Aber es bleibt natürlich eine Gratwanderung. Die Kundinnen und Kunden sind sensibilisiert. Und ihre Zustimmung, wann und zu welchem Zweck persönliche Daten verwendet werden, wird in Zukunft immer wichtiger.



Wie geht die Post mit dieser Herausforderung um?

Wir sprechen hier von Digitalethik. Das Thema steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber schon sehr bald von zentraler Bedeutung sein. Der Hintergrund ist – wie erwähnt – dass Vertrauen der Schlüssel zum Erfolg ist. Diesen Weg gehen immer mehr grosse Unternehmen, auch die Post. Unser Institut hat seit Kurzem ein zweites Mandat für die Post in genau diesem Bereich übernommen.

 


Zurück zur Covid-Krise. Wie gut war die Post darauf vorbereitet?

Wie alle wurde auch die Post vom Ausmass und der Geschwindigkeit der Krise überrascht. Die Infrastruktur kam trotz hoher Digitalisierung an ihren Anschlag. Doch sie war auch vorbereitet. Hinter den Kulissen hat man schon lange an ähnlichen Szenarien gearbeitet. Diese Erkenntnisse haben sich als nützlich erwiesen, und die Probleme blieben so gering.

Und welche Erkenntnisse hat die Post aus der Krise gewonnen?

Sie hat vor allem schnell reagiert. Schon im Mai wurde eine neue Strategie erarbeitet. Das Ziel ist ein rascher Ausbau des digitalen Angebotes, um die logistischen Prozesse zwischen Privatkunden, KMU’s und Gemeinden noch besser zu verzahnen.


 

Welche Rolle spielen dann die Filialen der Post in Zukunft noch?

Eine sehr wichtige. Sie sind integrierter Bestandteil. Wenn die Mitarbeitenden in einer Filiale mit neuesten Technologien ausgestattet sind, kann die Qualität des persönlichen Services erheblich gesteigert werden. Die Informationen werden präziser, die Beratung fundierter. Und das wiederum ist – neben den wichtigen sozialen Kontakten – ein guter Grund eine Filiale der Post aufzusuchen.

 


Hat der Lockdown auch Sie in Ihrem persönlichen Umfeld darin bestärkt, noch mehr auf digitale Lösungen zu setzen?

Ich sehe das differenziert. Nicht jede digitale Anwendung ist auch nachhaltig. Nützt sie dem Gesundheitswesen, dann ja. Das Posten von Katzenbildern dagegen ist verlorene Energie. Da ist mir eine Begegnung mit dem Nachbarn lieber. Gemeinschaftssinn und persönlicher Austausch können letztlich nicht durch digitale Prozesse ersetzt werden.